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Angesichts der Arbeit, die ich unternommen habe – wo ich gemalt und gebildhauert habe, was ich gesehen, gehört, gespürt, erlebt, verstanden habe, wo ich mich bemüht habe, Zeugnis abzulegen von dem, was in unserer Epoche geschieht – haben Menschen mir ihre Meinung mitgeteilt, haben mir gegenüber Bemerkungen gemacht, Kritiken, indem sie sich einerseits selber ausserhalb der Themen gestellt haben, die ich entwickle, der Gesellschaft, die ich beschreibe, und andererseits, indem sie alles, was sie in meiner Arbeit sahen, zu meiner Person in Bezug setzten.
Ich bin weder der erste noch der letzte Maler, Bildhauer, der mit Zuschauern des Typs Psychokommentator konfrontiert ist, die es vermeiden, Stellung zu nehmen und sich so durch ihr eigenes Wort zu verpflichten.
Vincent van Gogh ist sein ganzes Leben als depressiv betrachtet worden. Dies, obwohl sein Leben darin bestand, die lebendige Welt zu sehen und wahrzunehmen. Sein Leben: das, was er in der Welt von der Welt beschreibt. Eine Welt, eine Wirklichkeit, auf die es einige wenige Menschen gewagt haben, sich einzulassen. Ich denke an Antonin Artaud und sein Zeugnis: Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft.
Auch Goya hat, am Ende seines Lebens, seine sogenannte “schwarze Periode” gehabt, obwohl er selber im gleichen Moment sagte, er sei endlich frei zu malen, ohne sich mehr um die Gemütszustände und Launen der Zuschauer oder Auftraggeber kümmern zu müssen.
Und für jeden avisierten Zuschauer, ist es nicht bequemer, bis zur Fühllosigkeit Kommentare zu machen dahin, dass ein Maler und seine Malerei düster seien (und ich weiss nicht recht, was sonst noch), eher als dass er seine Aufmerksam darauf richtet, was sie erhellt und über die Gesellschaft enthüllt – eine Gesellschaft, an der er teilhat, und am Schreiben von deren Geschichte er selber nicht unbeteiligt ist?
Michelangelo vermerkte schon zu seiner Zeit, als jemand ihm zutrug, dass Paul der IV ihn dazu bringen wollte, sein Jüngstes Gericht wegen gewisser den Anstand schockierender Nacktheiten zu korrigieren: “Was hier den Papst verletzt, ist nur eine Kleinigkeit, der man leicht abhelfen kann; verändere er die Welt, dann werden wir die Malereien ändern.” Eher als darauf zu achten, was eine Malerei benennt, ziehen es eine grosse Zahl von Menschen vor, sich mit Theorien zu beschäftigen, indem sie über die Künste eisige oder mit sentimentalistischen Trieben gewürzte Vorstellungen und Systeme aufstellen, ohne irgend etwas in der Kunst selber zum Wachsen zu bringen. Was soll man da zur modernen Kultur sagen, zur Einrichtung der Salondiskussion, der Messen oder des zeitgenössischen Museums, deren Architektur mehr und mehr ein “Spiegel” wird, in dem unsere alles zur Ware machende Epoche sich spiegelt, ohne dass aber irgend etwas sich darin reflektieren, sich in Richtung der Wirklichkeit öffnen würde! Können wir glauben, dass in dieser Sinnersparnis ein “künstlerisches Talent” liegt!? Können wir glauben, dass sich zu verkaufen, was vor mehr als einem Jahrhundert als das Schlimmste galt, heute so leicht zu einer Gewähr von Qualität und Verdienst geworden sei?
Schauen wir einen Augenblick zurück. Nehmen wir Abstand, wie ehemals ein Maler vor seinem Bild es noch zu tun wusste – ohne aber auch nur einen einzigen Augenblick aus den Augen zu verlieren, was in seiner Zeit vor sich ging!
Und dann, schauen wir da vor uns hin, womit heute gelehrte Kommentare die Gemälde zudecken – sie verschweigend oder zum Schweigen bringend… Ich habe eines Tages über ein Bild von Rembrandt mit dem Titel Der Maler in seinem Atelier Folgendes gelesen: “Das Atelier ist nackt wie die Wände. Ein Tisch, ein grosser Mörser für das Zerstossen der Pigmentfarbstoffe. In der Mitte - eine Staffelei trägt ein riesengrosses Bild, 100 mal grösser als das Bild, das man dabei ist anzuschauen, ein Bild, von dem man nur die Rückseite sieht und, blendend, die reine, göttliche weisse Linie der mit Kreide und Klebstoff bedeckten Kante, schwebend in ihrem ebenso cremigen, wintrigen Licht wie das heutige. Eine Linie von reiner Virtuosität, die vier Jahrhunderte später sich selbst genügen könnte in einem Bild vonTal Coat, Barnett Newman oder Olivier Debré.”1
Was soll ich hier verstehen? Dass, dergestalt präsentiert, auch Rembrandt, so wie man es von Cézanne gesagt hat, ein Vorläufer und Begründer der abstrakten Kunst sein könnte?!
Und, was bringt das?
Was hat man hier erreicht und was hat man hier an einer Geschichte in unserer Geschichte zum Reifen gebracht?
Im Bereich der Kunst bin ich eines Tages jenem Samen begegnet, der – um seine Fruchtbarkeit amputiert, um die Gabe amputiert, die ihn ausmachte – wie eine in das Herzen der Menschen eingepflanzte blinde Macht sich folgendermassen entwickelte: “Die Malerei ist nicht eine Frage der Sensibilität; man muss die Macht usurpieren; man muss den Platz der Natur einnehmen und nicht von den Informationen abhängen, die sie euch gibt.”2
Im Hinblick auf das, was da beschrieben und gesagt ist, fragt man sich, wieviele dann auch mittelmässige Maler und Bildhauer werden sollten, “des croûtes”3 (um auf den Terminus zurückzugreifen, der früher auf gewisse Malereien angewandt wurde). Wieviele andere können sich dabei überraschen, selber Künstler zu sein oder ein Kunstwerk zu besitzen, wenn sie zu ihren Füssen ein Brett sehen mit ein paar Gipsspritzern, beim Säubern eines Pinsels entstandene Farbgerinnsel, PVC-Stücke, die dort kleben geblieben sind beim Reparieren des Abflussrohrs einer Waschmaschine, nachdem sie ihre Wohnung neu gestrichen hatten (und so weiter). Verfangen in dieser Konfusion der Gattungen und bezüglich dessen, was heute mit künstlerischem Schaffen gleichgesetzt wird, gibt es sogar Leute, die mich darauf hingewiesen haben, dass meine Arbeit, bestehend aus einer Zusammenstellung von Malereien, Skulpturen und Texten, seiner Form nach sich nicht vom Konzept einer “Installation” unterscheide. Aber ich halte mich nicht bei der Fülle der möglichen Interpretationen auf. Ich bemühe mich lieber, Gedanken wie den folgenden zu verstehen: “Man ist um den Preis Künstler, dass man das, was alle Nichtkünstler ‘Form’ nennen, als Inhalt, als ‘die Sache selbst’ empfindet. Damit gehört man freilich in eine verkehrte Welt: denn nunmehr wird einem der Inhalt zu etwas bloß Formalem, — unser Leben eingerechnet.”4
In dem; was ich mit der Malerei, der Skulptur ausdrücke, bemühe ich mich, Zeuge zu sein von dem, was geschieht, von dem, was seit mehr als einem Jahrhundert in den modernen, sogenannt zivilisierten, entwickelten oder in Entwicklung begriffenen Gesellschaften erzeugt worden ist.
Würden Sie von Dokumentarfilmen, die von der Barbarei unserer Lebensart Zeugnis ablegen, sagen, dass es düstere, gequälte, zerrissene Werke sind? Würden Sie auch von Fotografen, Journalisten, Regisseuren, die durch Dokumentarfilme, Schriften über Völkermörde, über den Hunger, über die Hinrichtung von Erde und Himmel, über Manipulationen und Versuche aller Art, die (im Moment!) an Tieren und Pflanzen gemacht werden, Zeugnis ablegen…, würden sie von deren Werken sagen, dass sie aus ihrer Phantasie entstammen, aus ihrer Welt? Dass sie der Ausdruck von gequälten, düsteren, zerrissenen Menschen sind? Dass es technisch gut ausgeführt ist, aber dass das Thema zu wünschen übrig lässt. Dass das nicht sehr positiv ist und dass sie das nicht auf einem öffentlichen Platz in einem Dorf, einer Stadt, bei sich zuhause ausstellen würden? Dass, was die Kunst betrifft, all diese kleinen Figuren, Pflanzen und Tiere längst völlig überholt sind… Dass man zu träumen, zu sehen geben muss, freien Lauf lassend der Phantasie, der Neuerung, der Liebe, den Glücksmomenten, ohne urteilen oder beurteilt werden zu müssen, d. h. ohne dass auf der Leinwand, in einer Zeitung, in einem Film der Ausdruck eines Gesichts erscheine, der Schatten unserer Verantwortung an dem, was sich Bahn bricht und wirklich in unserem Leben geschieht?
Zwischen Schatten und Licht, welche Wahrheit vermag die Erde zu erheben wie der Same eines Baumes es zu tun versteht? In der stetigen Aufmerksamkeit auf den Himmel seiner Epoche, auf das, was da hinten die Neigung des Lichts in die Wölbung des Himmelsdoms schreibt, geht es dem Baum nicht darum, in seinem Aufstieg ein vorbestimmtes Schicksal zu überprüfen, oder das, was er nicht oder nicht mehr zu tragen vermag, "einem Gott entgegenstrecken". Es geht dem Baum nicht darum, sich als die Vorstellung einer Anhäufung von organisierten, vorprogrammierten, zufallsbedingten oder geordneten Teilchen zu sehen, als ob er trotz dem Zufall einer Begegnung nicht ein Schicksal zum Auftrag hätte.
Nein, die Sonne hat sich geneigt im mit dem Tode ringenden Atem der Erde. Mitternacht hat geschlagen. Das Blut der Nacht, geronnen im Krähen des Hahnes, früh ist es geflossen. Bei Sonnenaufgang kräht ein Hahn, er trägt die Verantwortung für seinen Gesang. An uns, das gleiche zu tun, uns zu wählen, d. h. unser Schicksal zu schreiben. Dies ist zweifelsohne, was die Gralsschale enthielt, die die Ritter von damals mit ihrem Leben verteidigten: die Frage der Verantwortung.
Achtung! Ich sage nicht, dass alle Menschen schuld sind an der Hinrichtung der Kunst, der Erde, aber ich sage, dass jeder dafür verantwortlich ist, wie jeder Mensch für seine Taten verantwortlich ist.
Das Talent ist etwas, das nur gewisse Menschen haben oder bei der Geburt erhalten, so sagt man.
Diese Art von Gedanken ist nur für die Faulen gültig.
In Wirklichkeit ist Talent ein Rüstzeug, das uns über die Verantwortung aufklärt, die uns obliegt.
Und es geht darum, den Inhalt dieses Geschenkes mit jemand anderem zu teilen, um, ohne die Welt zu vergessen, die Natur, das Leben, ihm zu helfen, bewusst die Verantworung wahrzunehmen, die uns obliegt in der Arbeit, die wir wählen können, und in der Wahl, die wir immer wieder treffen müssen, bis wir ein Leben vollenden.
Hier ist die Aufgabe umso grösser für jeden einzelnen.
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